
Alfred Korzybski
sagt: „Eine Landkarte ist nicht das Gebiet“. Karten sind Abstraktionen, sie sind nicht die Wirklichkeit. Die können wir nur direkt erfahren.
Zwischen Gebiet und Landkarte bestehen drastische Unterschiede. Während die Landkarte starr und unbeweglich ist, ist das Gebiet auf einer Prozess-Ebene und fließt. Sprache ist eine Landkarte.
Sprache
Alfred Korzybski ist Begründer der Allgemeinen Semantik. Er zeigt, wie Sprache unsere Wirklichkeit formt und unser repräsentatives Denken bestimmt. Er fordert uns auf, nicht-verbales Verstehen zu entdecken, die unsagbare Welt des Sehens und Hörens. Wenn wir aufhören, Dingen Namen zu geben, beginnen wir nämlich zu sehen. Denn immer wenn wir etwas benennen, aktiviert sich automatisch ein Konzept, ein mentales Schema, von dem wir kaum ablassen können, das aber nicht die Realität abbildet.
Außerdem lädt Korzybski uns ein, uns darüber gewahr zu sein, dass nichts in der Wirklichkeit statisch ist. Das allerdings täuscht Sprache vor. „Was auch immer man sagen mag, dass etwas `ist´, ist es nicht, denn ein Wort ist nicht das Objekt, das es repräsentiert. “ Tatsächlich ist nichts, weshalb Korzybski das Wort sein gänzlich vermeiden will oder es zumindest immer in Anführungszeichen setzt.
Sprache ist eine Landkarte der Wirklichkeit. Sie bildet die Welt der Erfahrung nicht adäquat ab. Wer jedoch die Karte für die Wirklichkeit hält, läuft in die Irre. Es finden „konditionierte semantische Reaktionen“ statt, unter denen man persönlich leiden und anderen Leid zufügen kann.
Wörter sind statisch. Sie haben eine recht allgemeine und unveränderliche Bedeutung mit der sie Objekte und Situationen darstellen sollen, die jeweils einzigartig sind und sich außerdem permanent verändern.
Zudem bindet Sprache Zeit. So können Menschen geschriebene und gesprochene Sprache nutzen, um Informationen zu sammeln, weiter zu entwickeln und von älteren Generationen an jüngere übermitteln. In der Gegenwart nehmen wir etwas aus der Vergangenheit, um uns auf die Zukunft vorzubereiten. Diese Vorteile haben aber auch ihre Tücken:
Wir glauben, uns auf alles vorbereiten und somit kontrollieren zu können. Tatsächlich ist das gar nicht möglich, weil unsere Vorstellung von Kontrolle eine Abstraktion ist. Hinzu kommt, dass das, was wir aus der Vergangenheit nehmen, ja auch nicht die Wirklichkeit zu jenem Zeitpunkt abbildet, sondern wiederum nur ein Querschnitt von Prozessen ist, den wir eingefroren haben und für immer gleichbleibend halten. Daher vermuten wir, dass ein solcher Moment auch in Zukunft gleich sein wird. Wir haben einen vergangenen Moment außerdem aus dem Kontext gerissen und isoliert, ohne die größeren Zusammenhänge zu berücksichtigen.
Abstraktions-Prozesse
Bevor wir selbst ins Bild kommen, sind bereits eine Reihe von Prozessen geschehen, die sich unserer direkten Beobachtung entziehen und die wir lediglich aus der Physik kennen: So haben wir zunächst eine Ebene der primären Dimensionen und physischen Kräfte wie Energie, Raum, Masse, Licht, Schall, Elektromagnetismus etc. Diese Ebene verdichtet sich zu dem, was Korzybski „submikroskopische“ Ebene nennt: Die dynamische Welt der Atome, Moleküle, Elektronen usw.
Bei weiterer Verdichtung – oder Abstraktion – entsteht daraus ein Objekt, zum Beispiel ein Apfel. Er ist ein „augenblicklicher Querschnitt eines Prozesses“. Wenn wir in den Apfel beißen, reagiert unser Nervensystem auf non-verbale Weise auf all diejenigen Prozesse, die sich in einem bestimmten Moment als Apfel zeigen.
Nun abstrahiert das Nervensystem weiter und beginnt auf verbaler Ebene mit Benennungen und Etikettierungen. Die statische Welt der Wörter wie „Apfel“ gibt die dynamische Realität nur unvollkommen wieder. Ein Apfel kann verderben und gären und dabei aufgrund seiner zugrundeliegenden Dynamik sogar eine faulige Flüssigkeit sein, aber er behält immer das Etikett „Apfel“. Obwohl sich also alles in konstanter Veränderung befindet, errichtet Sprache ein Ort des Seins. Hinzu kommt, dass, nur weil es ein Wort für etwas gibt, wir auch glauben, das es dieses Etwas wirklich gibt.
Bedenke, dass nicht nur ein Apfel eine „Abstraktion“ von Prozessen ist, sondern auch du. Bevor du dich benennst oder überhaupt den Gedanken hast, dass du jemand bist, haben bereits Prozesse stattgefunden.
Würdest du dich von der Ebene der primären Kräfte oder sogar noch von dahinter beobachten können, würdest du weder Grenzen noch unterschiedliche Objekte sehen. Es gibt „dort“ kein getrenntes, unabhängiges ich oder du.
Was „vor“ physischen Kräften ist, wissen wir nicht. Manche vermuten, es ist Bewusstsein. Andere bezeichnen es als Lebenskraft. Manche nennen es Tao und manche Gott. Aber auch das sind letztlich Wörter, mit denen wir bestimmte Vorstellungen verbinden.
Wahrnehmung
Was auch immer an Wissen, Meinungen, Überzeugungen und Schlussfolgerungen Menschen über sich selbst und die Welt um sie herum haben, ist Ergebnis von Abstraktionen (Konstruktionen). Sie sind das Produkt ihres Nervensystems. Dieses hat nur eine begrenzte Fähigkeit, Wirklichkeit wahrzunehmen.
Alfred Korzybski hat seine Theorie der Abstraktionen “ strukturelles Differential“ genannt. Er versucht damit zu erklären, wie das Gehirn und Nervensystem Realität wahrnimmt und diese Wahrnehmung durch Sprache beschreibt und ihr so einen Sinn gibt.
Wenn wir irgendeinen Gegenstand nehmen und uns fragen, was er repräsentiert, stellen wir fest, dass er ein Ereignis ist: „ein verrückter Tanz der Elektronen“, der jeden Moment anders ist, der sich nie wiederholt. Das Ereignis besteht aus sehr komplexen dynamischen Prozessen, auf die der Rest des Universums einwirkt und auf die es reagiert. Es ist untrennbar mit allem anderen verbunden und von allem anderen abhängig.
Zur Anschauung bietet Korzybski uns den Vergleich mit einem Ventilator: Bewegen sich die einzelnen Blätter des Ventilators sehr schnell, können wir diese Bewegung nicht mehr sehen. Stattdessen nehmen wir eine Scheibe wahr, die stillzustehen scheint. Wir abstrahieren Bewegungen und machen aus ihnen Dinge und Objekte, die scheinbar gleich bleiben. Das Gleichbleibende ist eine Identität, die wir uns selbst, anderen Lebewesen und Objekten zuschreiben.
In Wirklichkeit können wir ein Ereignis (also zum Beispiel die Wahrnehmung eines Apfels) erst erfassen, nachdem das Ereignis schon stattgefunden hat. Dann bemerken wir diesen „Querschnitt von Prozessen“. Alles, was wir sehen und wahrnehmen ist quasi schon Vergangenheit. Das entspricht auch dem, was Henri Bergson sagt.
Objekt Ebene
Auf der Objekt Ebene (dein Körper und der Apfel) haben also schon etliche Abstraktionen stattgefunden. Genau genommen gibt es ja gar keine Objekte. Alles, was du siehst, sind schon Übertragungen des Nervensystems, das aus allen Energien und Bewegungen etwas herausgefiltert hat.
Was wir wahrnehmen ist also eine spezifisch menschliche Art, universale Prozesse zu übersetzen. Würdest du nun einfach den Apfel sehen, könntest du ihn so, wie er dir im Moment erscheint, erfahren, ohne ihn beschreiben und einordnen zu müssen. Auf Objekt-Ebene findet alles non-verbal statt. Wir können in dieser Ebene nur direkt erfahren, indem wir sehen, anfassen, tatsächlich fühlen, hören etc.
Aber das Nervensystem führt weitere Abstraktionen durch. Nicht nur, dass du den Apfel Apfel nennst, du vergleichst ihn mit anderem Obst oder mit Essen im allgemeinen, bewertest seinen Nutzen, findest in gut oder schlecht und beurteilst auch andere Menschen, die Äpfel essen oder nicht essen.
Beim Übergang von Stufe zu Stufe wird ein Großteil der vorherigen Stufe weggelassen und nur ein kleiner Teil herausgegriffen. Diesen Prozess des Weglassens und Auswählens ist, was Alfred Korzybski „abstrahieren“ nennt. Es ist das Bilden einer Idee abseits von konkreten Dingen und Situationen. Wir können solche Abstraktionen auch Konstruktionen nennen.
Abstrahieren geschieht automatisch. Menschen versuchen, die Welt anhand von Abstraktionsprozessen zu verstehen und ihr so einen Sinn zu geben. Jedoch sind die Vorstellungen, die man von Objekten oder anderen Menschen hat, nicht sie. Wenn man durch Ideen schaut, sieht man nicht sie, sondern seine Ideen. Aber man weiß nicht einmal, dass man nur seine eigenen Vorstellungen sieht, eben weil solche Prozesse automatisch ablaufen.
Weitere Abstraktions-Ebenen
Im Anschluss an die Objekt Ebene kommt laut Korzybski die Bezeichnungs-Ebene. Benennen wir ein Ding, haben wir schon viele Aspekte der Wirklichkeit ausgelassen. Zum einen diejenigen Prozesse, die wir gar nicht erfassen können, zum
anderen aber auch Empfindungen und Erfahrungen. Jedes Wort kann nur einen winzigen Aspekt von etwas in der Wirklichkeit darstellen.
Nach der Benenn-Ebene folgt eine Beschreibungs-Ebene und dann kommen weitere Abstraktions-Ebenen wie Schlussfolgerungen, Typisierungen, Überzeugungen, Glaubenssysteme, Regeln und Dogmen. All diese Abstraktions-Ebenen laufen unglaublich schnell und fast automatisch ab. Es wird geschätzt, dass von Objekt-Ebene zur Bezeichnungs-Ebene zur Beschreibungs-Ebene und zur Ebene einer Schlussfolgerung weniger als eine Sekunde vergeht. Häufig bemerken wir den Unterschied zwischen einer beschreibenden und einer schlussfolgernden Aussage gar nicht. Der gesamte Abstraktionsprozess läuft in der Regel vollkommen unbewusst.
Korzybski erklärt, dass wir Gefahr laufen, dass Wörter unsere Einstellungen und Beziehungen zu Personen und Situationen bestimmen, weil wir die Landkarte der hierarchischen und binären Sprache für die Wirklichkeit halten. Wir finden dann gar nicht selbst durch Erfahrung heraus, was und wie unsere Beziehung zu Personen, Dingen und der Welt tatsächlich ist, sondern verlassen uns auf Etikettierungen.
Die Bezeichnungs-Ebene ist bereits eine Abstraktion einer Abstraktion (der Objekt Ebene). Wir befinden uns bei bloßem Benennen also schon auf der zweiten Abstraktionsebene. Aber dann geht es immer weiter durch Schlussfolgerungen, Beurteilungen etc. und mit jeder Ebene sind wir ein paar Schritte weiter von der Wirklichkeit entfernt.
Was tun?
Wie kann man sich solcher Prozesse gewahr werden, verstehen, dass nichts ist und automatische Abstraktionsprozesse auflösen? Korzybski empfiehlt, nicht sofort auf etwas zu reagieren. Vielmehr kann man seine Aufmerksamkeit direkt auf den Vorgang der Abstraktion legen, anstatt sie unbemerkt geschehen zu lassen.
Stephen Wolinsky schlägt vor, den Weg zurückzugehen, den das abstrahierte „Ich“ mit seinen Etikettierungen, Schlussfolgerungen und Bewertungen gekommen ist. Dabei wird sozusagen der Abstraktionsprozess rückgängig bzw. bewusst gemacht und neurologische Veränderungen können eintreten. Es handelt sich nicht allein um sprachliche Konditionierung, sondern um ein komplexes System von sich gegenseitig beeinflussenden Konstruktionen.
Es ist zudem essentiell zu fragen, wie es kommt, dass wir einen bestimmten Querschnitt sehen. Wieso bleibt ein Prozess sozusagen für uns einen Moment lang stehen, so dass wir ihn in Bildern sehen können? In der Sprache der Quantenphysik ausgedrückt: Wie kommt es zum Kollaps der Wellenfunktion? Und was hat das mit Schwerkraft zu tun? Ist unser Bewusstsein eine Folge des Kollaps?